Bei der Narkose zählt Präzision in der Dosis

Der Anästhesie stehen viele Patienten etwas widersprüchlich gegenüber. Zum einen möchten alle möglichst wenige Schmerzen erleiden und während einer Operation ausreichend tief schlafen, zum anderen werden die Aufklärungsgespräche vor einer Operation oft mit weniger Aufmerksamkeit geführt als gegenüber dem Orthopäden oder Chirurgen. Das klingt zunächst verblüffend, aber für die Anästhesie ist es ein großer Vertrauensbeweis.

Dabei bleibt oft unbemerkt, wie dynamisch sich auch dieses Fach entwickelt. Ein wichtiger Baustein in diesem Zusammenhang ist die Frage, wie ein Patient, der aus dem Operationssaal auf die Intensivstation kommt, dort weiterhin sediert wird und schmerzfrei bleibt. Statt ein Schlafmittel über die Vene zu spritzen, ist es in vielen Fällen von Vorteil, wie während einer Operation ein  Narkosegas zu inhalieren.

In der Intensivmedizin wird die Anwendung von Narkosegasen als inhalative Sedierung bezeichnet. Anders als in vielen anderen Krankenhäusern, wird diese Technik im St. Josef-Hospital seit mehr als zehn Jahren praktiziert. In einer Studie mit 200 schwerkranken Patienten, an der zahlreiche führende Mediziner des Katholischen Klinikums Bochum beteiligt waren, konnte nachgewiesen werden, dass sich die gesundheitlichen Prognosen durch Anwendung dieser Technik deutlich verbessern. Gegenüber der Vergleichsgruppe, die intravenös sediert wurde, betrug die Verbesserung der Überlebensrate rund 50 Prozent. Für Prof. Thomas Weber, Direktor der Anästhesie im Katholischen Klinikum Bochum, ein überzeugendes Ergebnis. Er ist sicher: „Qualität kann man messen.“

Auf der operativen Intensivstation im St. Josef-Hospital ist zudem ein automatisiertes Steuerungssystem im Einsatz, welches das Narkosegas insbesondere für künstlich beatmete Patienten in genau der gewünschten Dosierung bereitstellt (MIRUS). Oberarzt Dr. Martin Bellgardt, der auch der Leitlinienkommission dieses Fachbereichs angehört, sieht dieses System als „S-Klasse der inhalativen Sedierung". Seit 2017 wird eine weitere Zulassungsstudie in Zusammenarbeit mit einem schwedischen Medizintechnik-Unternehmen deutschlandweit durchgeführt. Es ist die weltweit größte ihrer Art. Angestrebt werden 550 teilnehmende Patienten, von denen mehr als 200 bereits gesichert sind.

Überhaupt ist die Dosierung in der Anästhesie eine Art Königsdisziplin. Von dem Grundsatz „viel hilft auch viel“ hat sich die moderne Medizin längst verabschiedet. „Es ist kein Problem, den Patienten einschlafen und später auch aufwachen zu lassen“, betont Prof. Weber. „Ihm aber während der Operation und danach auf der Intensivstation genau die richtige Menge zukommen zu lassen, um möglichst schonend zu handeln, ist durchaus komplex.“

Die Vorteile beim inhalierten Sedierungsmittel (im Unterschied zum gespritzten) sind vielfältig. So kommt das Ärzte-Team beim Narkosegas mit weniger belastenden Opioiden aus als es sonst erforderlich wäre. Weitere wichtige Vorteile dieses Mediums: Es erhält die Atemtätigkeit des Patienten aufrecht, schützt vor dem Abbau der Atemmuskulatur, verkürzt die Aufwachzeit und verringert das Risiko eines Delirs. Die Risiken einer solchen Verwirrtheit bzw. Gedächtnisstörung steigen bei Verabreichung eines über die Vene gegebenen Sedierungsmittels ansonsten deutlich an.