Im Fokus: Euphorie in der Diabetologie

Wer Diabetes sagt, denkt sofort auch an schwere Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Erblindung, Nierenversagen oder Amputation. Menschen mit Diabetes haben dafür ein erhöhtes Risiko. Nun aber öffnen sich neue Perspektiven. Vor kurzem wurde gezeigt, dass das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen deutlich gesenkt werden kann.
Ein Grund dafür liegt in der erheblichen Verbesserung der Diabetes-Therapie durch neue Medikamente und moderne, interdisziplinäre Behandlungskonzepte. Neue Studien haben belegt, dass sogenannte GLP-1 Analoga die Überlebenschancen und die Rate an Folgeerkrankungen bei Typ 2-Diabetes stark verbessern können. Diese Substanzen gehen auch auf Forschungen von Prof. Michael Nauck, dem Leiter der klinischen Forschung der Diabetologie im St. Josef-Hospital, und dem Leitenden Arzt Prof. Juris Meier zurück. Die Abteilung ist der Medizinischen Klinik I (Direktor: Prof. Wolfgang Schmidt) angegliedert.
Bereits 2015 wurde mit sogenannten SGLT-2 Hemmern eine deutliche Abnahme von Diabetesbedingten Folgeschäden nachgewiesen. „Dies eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten“, betont Prof. Meier. Er geht sogar noch weiter: „Die Erkenntnisse der vergangenen zwei Jahre haben in unserem Fach richtig Euphorie ausgelöst.“ Ein Höhepunkt dieses Forschungsprozesses war ein Kongress in New Orleans im Juni 2016 und die Veröffentlichung einer Studie mit einem GLP-Analog im New England Journal of Medicine, einer der führenden medizinischen Fachzeitschriften weltweit. Der Studiengruppe gehörte Prof. Nauck an. Er erinnert sich noch gut an den Tag, als die Untersuchung vorgestellt wurde: „Die Leute rissen sich um die besten Plätze in den ersten Reihen. Nach jedem Dia gab es Applaus. So etwas hatte ich zuvor in einem solchen Rahmen nur selten gesehen.“
Ebenfalls außergewöhnlich ist, dass ein Wissenschaftler den Weg eines neuen Medikaments von den allerersten Anfängen bis zur Marktreife aktiv begleiten kann. Bei Michael Nauck waren das insgesamt 30 Jahre. Bereits 1987 hatte er mit dieser hochspezialisierten Forschung begonnen, die er später in enger Zusammenarbeit mit Juris Meier weiterführte. Für sein Lebenswerk erhielt Prof. Nauck im vergangenen Jahr in Anwesenheit der dänischen Königin die Ehrendoktorwürde der Universität Kopenhagen.


Ärzte und Wissenschaftler suchen nach immer neuen Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehört die gezielte Wiederherstellung der körpereigenen Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse. Hier verfolgt die Arbeitsgruppe um Prof. Meier die Idee, ein Nachwachsen der Zellen in der Bauchspeicheldrüse künstlich anzuregen. Unterstützt wird er seit vielen Jahren durch Prof. Waldemar Uhl, Direktor der Viszeralchirurgie im St. Josef-Hospital. Durch gemeinsame Untersuchungen an Gewebeproben von Patienten mit erkrankter Bauchspeicheldrüse wurden wichtige Erkenntnisse über die Zellteilung insulinproduzierender Zellen gewonnen. Für seine Forschung erhielt Prof. Meier bereits mehrere nationale und internationale Auszeichnungen, darunter die „Rising Star Lecture“ der Europäischen Diabetesgesellschaft.
Das primäre Ziel besteht darin, Diabetes durch exakte Einstellung des Blutzuckers zu kontrollieren und dadurch Folgeerkrankungen zu vermeiden. Treten diese dann doch ein, ist eine professionelle fachübergreifende Versorgung erforderlich. Ein Beispiel ist das Diabetische Fußsyndrom. In Bochum werden Patienten mit durchblutungsbedingten Fußwunden gemeinsam durch die Diabetologie und die Gefäßchirurgie (Direktor: Prof. Achim Mumme) versorgt.
„Durch diese interdisziplinäre Struktur werden lange Wege und unnötige Wartezeiten vermieden. Gefäßchirurgen und Diabetologen arbeiten Hand in Hand“, betont Prof. Meier. Unterstützt wird er durch die Radiologie, die Gefäßverengungen mit kathetergestützten Verfahren oft minimalinvasiv beheben kann. Ob im Einzelfall eine Bypass-OP oder ein Katheter-Eingriff die bessere Option ist, wird im Team der Spezialisten diskutiert. Wenn Fußwunden eher durch knöcherne Fehlstellungen bedingt sind, steht die Fußchirurgie im St. Josef-Hospital (Oberärztin Dr. Tanja Kostuj) bereit. Auch die Expertise der Dermatologie (Direktor: Prof. Eggert Stockfleth) ist gefragt, etwa bei der Frage, ob einer schlecht heilenden Hautwunde ein Tumor oder eine Gefäßentzündung zugrunde liegt.

Die enge Zusammenarbeit der Fachkliniken ist eine Stärke des St. Josef-Hospitals, das durch die Deutsche Diabetesgesellschaft als Behandlungszentrum für Diabetiker ebenso wie als Fuß-Behandlungszentrum zertifiziert ist. „Es vergeht bei uns kein Tag ohne fachübergreifenden Austausch. Der andere Blick, das Urteil des Kollegen aus anderen Fächern ist immens wichtig. Von dieser Teamarbeit profitiert der Patient massiv,“ betont Prof. Meier.
Wichtig für die Menschen mit diabetischen Fußwunden ist eine passgenaue Druckentlastung. Mit individuell angefertigten Sohlen und Schuhen ebenso wie mit maßangefertigten Orthesen oder einer speziellen Gips-Versorgung („total contact cast“) soll ein optimales Ergebnis erzielt werden. „Hier ist viel Kreativität erforderlich“, so Juris Meier. „Nur wenn es gelingt, schlecht heilende Wunden zu entlasten und dabei möglichst die Mobilität zu erhalten, kann die Wunde auf Dauer gut heilen.“
Unumgänglich ist in jedem Fall die enge Interaktion mit dem Patienten. „Wir Diabetologen müssen zuhören und intensiv immer wieder mit dem Patienten reden“, so Prof. Meier. „Das ist viel Detailarbeit. Sie bedeutet Zeit und Fürsorge.“ Auch scheinbar nebensächliche Kleinigkeiten können dabei wichtig sein. Erst die Schilderung aller Symptome ergibt am Ende ein Gesamtbild, aus dem heraus der Patient medikamentös eingestellt wird. Gerade bei der Behandlung mit Insulin ist diese Feinabstimmung hohe Kunst. Nicht umsonst gilt die Diabetologie als sprechende Disziplin, auch durch die Mitarbeiterinnen der Diabetesberatung, die dem Patienten immer wieder in Einzelgesprächen wichtige Tipps geben, Probleme diskutieren und beim Umgang mit der Erkrankung im Alltag helfen. Oft finden sie wichtige Details heraus, die für eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend sind. Beispiele hierfür sind die passende Nadellänge oder die richtige Spritztechnik. Gerade bei der Insulinbehandlung gibt es wesentliche Neuerungen, etwa in der Insulinpumpen-Therapie. Auch die nun mögliche kontinuierliche Blutzucker-Messung ohne lästiges Stechen eröffnet neue Chancen. In einer Spezial-Sprechstunde für Insulinpumpen-Träger versuchen Diabetesberaterinnen und Ärzte, die optimale Einstellung zu finden. Auch dabei bauen Michael Nauck und Juris Meier auf eigene Forschung auf: In einer Untersuchung an 350 Patienten mit Insulinpumpen erarbeiteten sie ein Rechenmodell, mit dem die benötigte Insulindosis mit einfachen Mitteln bestimmt werden kann.