Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – und doch könnten sie aufgrund der Krankenhausreform in Zukunft als solche behandelt werden. Das befürchten Prof. Dr. Thomas Lücke, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Katholischen Klinikums Bochum, und Prof. Dr. Ursula Felderhoff-Müser, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Bei einem Besuch des Bochumer SPD-Bundestagsabgeordneten Serdar Yüksel (SPD) in der Universitätskinderklinik, schilderten die beiden Pädiater dem Politiker die Probleme, die ihnen unter den Nägeln brennen.
„Unsere Sorge ist es, dass die Politik mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz Zeichen in die falsche Richtung setzt“, erklärte Prof. Lücke. Besonders im Fall von Kindern mit chronischen Erkrankungen könne es zu einer drastischen Unterversorgung kommen, wenn die Reform wie geplant umgesetzt würde. In der Kinder- und Jugendmedizin sei die von den Krankenhäusern geforderte Zentralisierung bereits zum größten Teil umgesetzt, ergänzte Prof. Dr. Felderhoff-Müser: Deutschlandweit gebe es nur noch 323 pädiatrische Stationen mit weiter abnehmender Tendenz, so dass es keinen Bedarf für einen weiteren Bettenabbau gebe. „Der finanzielle Druck verschärft sich immer weiter, so dass die Kliniken oft nur noch den Mangel verwalten.“ Mit der Streichung der Leistungsgruppe „Spezielle Kinder- und Jugendmedizin“ aber, wie sie das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) vorsehe, sei nun die flächen-deckende Versorgung von schwer kranken und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen in Deutschland akut gefährdet: Spezialgebiete wie Kindergastroenterologie, -kardiologie, -neurologie oder -rheumatologie würden so nicht mehr finanziert. „Diese Kinder werden wir an die Erwachsenenmedizin und damit an eine fachfremde Behandlung verlieren“, befürchtet die Kinder- und Jugendärztin. „Dieses Konzept katapultiert uns zurück in die 60er Jahre!“ Ein weiteres Beispiel sind onkologische Erkrankungen bei Kindern: In den dafür zwar vorgesehenen leistungsgruppen fehlen die gesamten soliden Tumorerkrankungen, die damit der allgemeinen Kinder- und Jugendmedizin zugeordnet werden und dort sicher fehl am Platz sind.“ Die ebenfalls geplante Streichung der Leistungsgruppe für Spezielle Kinder- und Jugendchirurgie und die im Entwurf nicht abgebildete Kinderintensivmedizin verstärken die Befürchtungen.
Dabei, ergänzte Prof. Lücke, hätten sich gerade bei der Klientel der Kinder- und Jugendlichen viele Probleme ohnehin verschärft. „Unsere Patienten haben sich in den letzten 15 Jahren verändert. Wir erleben zunehmend überforderte Familien, Kinder mit Erkrankungen, die wir bisher nur von alten Menschen kannten - die Pädiatrie ist hier der Seismograph der Gesellschaft.“ Bei rund 18 Millionen Kindern in Deutschland sei das nicht hinnehmbar: „Die Reform verschärft bestehende Probleme statt sie zu lösen.“
Bei Serdar Yüksel rannten die beiden Mediziner mit ihrem Anliegen gewissermaßen offene Türen ein: „In meiner früheren Arbeit als Krankenpfleger habe ich es schon vor vielen Jahren erlebt, dass Kinder- und Jugendmedizin nicht den höchsten Stellenwert hat. Dadurch chronifizieren wir aber die Erkrankungen von Kindern.“ Er versprach, das Thema in dieser Woche in einer Klausurtagung zur Gesundheitspolitik anzusprechen. „Ich nehme dieses Thema mit. Der Bereich der Kinder- und Jugendmedizin wird in der Gesundheitspolitik viel zu wenig gesehen – dabei ist er so wichtig für die weiteren Phasen des Lebens.“